Montag, 17. Juni 2013

Moskitos

Die erste Regel, wenn man Reiten lernt, ist: "Verliere nie den Respekt vor dem Tier". Die zweite lautet "Wenn du mal abgeworfen wirst, steig sofort wieder auf". Die Metaphorik letzterer war mir zwar schon immer bewusst, aber erst heute habe ich wirklich Erfahrungen damit gemacht.

Gestern

Heute war es dann da. Das, wovor ich mich insgeheim schon lange gefürchtet habe, mir aber immer eingeredet habe, dass das sowieso nie passieren wird. "Es ist doch schon so oft gut gegangen, du solltest langsam mal ein wenig Vertrauen in dich und deine Fähigkeiten haben", habe ich mir dann oft gedacht und es irgendwann wirklich geglaubt, da es sich ja immer wieder als richtig erwiesen hat. Trotzdem musste es irgendwann mal passieren und heute war eigentlich ein guter Tag dafür, immerhin hatte ich sowieso ein schlechtes Gefühl. Irgendwie komisch, aber ich wusste insgeheim vorher schon, dass ich nicht die übliche Kreativität aufbringen könnte und mir auch die Energie für so etwas fehlen würde. Aber man kann das ja auch nicht einfach absagen, im Gegengeil, wir haben es sogar noch eine halbe Stunde nach vorne verlegt und ich habe alle Bedenken bezüglich der zenitalen Sonne gekonnt in den Wind geschlagen und das subtile Gefühl verdrängt.

Aufgeregt war ich und wie immer auch voller Vorfreude auf das Kommende. Die Kleidung sah super aus, das Treffen war schon lange geplant und ein toller Ort ausgesucht.
Aber dann ging irgendwie alles schief. Es hat schon mit dem aufgeweichten Boden angefangen, der einem die Schuhe ausgezogen hat, dann waren da überall Brennesseln und ich war ungewohnt unkonzentriert und schusselig. Habe erst mal das falsche Objektiv benutzt und der Autofokus wollte natürlich gleich dreimal nicht, dieses dumme Ding. Ich habe mich aus der Ruhe bringen lassen und bin nervös geworden, vielleicht weil ich meinen Gegenüber nicht besonders gut kannte? Aber das hatte ich vorher doch auch schon oft, also wieso sollte das plötzlich ein großes Hindernis darstellen? Es war heiß. Unbeschreiblich heiß und die Bilder überbelichtet. Blende kleiner machen? Aber dann ist doch das Bokeh weg! Was bringt dir das Bokeh, wenn die Bilder sowieso unscharf und überbelichtet sind? Also doch offen lassen. Und wieso stellt der jetzt schon wieder nicht scharf, zum Teufel, für Lifeview ist es zu hell, und, ach verdammt, die Ärmste wartet ja auf Anweisungen!!
Arme hoch? In den Himmel schauen? Mit den Haaren spielen? Ja? Nein?
Die Anweisungen gefallen ihr nicht, man, lass dir doch was einfallen, dein Model muss sich doch wohlfühlen vor der Kamera, du Dussel! Aargh! ... anderer Ort vielleicht?

Als wir dann der stechenen Sonne, meiner Unzurechnungsfähigkeit und den harten Gesichtsschatten entflohen sind, hinein in den Brennesselwald, kam das nächste Übel: Mücken! Überall! Gleich zehn von den Viechern auf einmal auf mir und -autsch, die erste sticht schon. Erst Libellen am See und jetzt auch noch das, ich pack das nicht!
Ich habe versucht, mich zusammezureißen, das letzte bisschen Konzentration und Kreativität zu sammeln und dann nochmal alles zu geben, es war ja eigentlich alles so perfekt, diesmal war ich die jenige, an der es gescheitert ist. Ich, weil ich nicht darauf bestanden habe, erst um sieben zu beginnen und weil in meinem Kopf alles drunter und drüber geht. Und weil ich wahrscheinlich einen schlechten Tag erwischt habe.

Also abbrechen und morgen nochmal treffen, zu einer besseren Uhrzeit und hoffentlich mit mehr Energie und Ideenreichtum. Zerknirscht nach Hause kommen, die beiden einzigen guten Fotos bearbeitet und hoffen...


Heute

Nach einer erholsamen Nacht sahen die Welt und die Fotos vom Vortag gleich wieder ganz anders aus. Trotzdem war ich irgendwie nervös und habe den ganzen Tag lang dem Abend entgegengefiebert. Als es dann Nachmittag und später Abend wurde, habe ich fasziniert aus dem Fenster gesehen und die tieferliegende Sonne bewundert. Die ganze Welt sieht so anders aus, wenn sie so in Gold getaucht ist. Ich war deutlich besser drauf als gestern und bin entspannt und zuversichtlich an die Sache herangegangen. Es begann schon im Auto, wo wir uns gegenseitig unsere Mückenstiche gezeigt und darüber gelacht haben.
Später habe ich mich bemüht, so viel Ruhe wie möglich auszustrahlen und mich einfach inspirieren zu lassen. Vom Licht und den Farben und vor allem von meinem wunderbaren Model. Ich konnte richtig spüren, dass sie nach und nach mehr Vetrauen gefasst hat und mutiger geworden ist. Das ist ein wunderschönes Gefühl, vor allem, wenn man schon während der Rückschau auf dem Display sieht, dass viele Bilder etwas geworden sind.
Ich bin aus dem Loben nicht mehr herausgekommen und es hat richtig, richtig viel Spaß gemacht. Jetzt sitze ich wieder zu Hause, habe noch nasse Haare vom Duschen und bin angenehm müde und dösig. Die Fotos von heute kommen dann im nächsten Post, ich bin selber schon sehr gespannt, was die Bearbeitung noch so zaubern wird.

Wieso erzähle ich euch das alles? Ich könnte doch auch einfach die Fotos hochladen und die "missglückte" Session gestern verschweigen.
Vor einigen Wochen wurde mir gesagt, dass ich zu wenig Text auf meinem Blog habe. Das liegt vor allem daran, dass ich nicht gerne über mich schreibe. Ich mag es nicht, irgendwie durchschaubar zu sein, da sind manche Fotos teilweise schon grenzwertig, deshalb lasse ich sie meistens lieber für sich selbst sprechen.
Andererseits ist mir Ehrlichkeit ein großes Anliegen, das war es immer schon. Ich möchte nicht so tun, als würde bei mir alles immer perfekt laufen, indem ich die schlechten Momente einfach ausklammere. Zwar werde ich nach wie vor Dinge für mich behalten, aber dieser kleine Einblick ist mir wichtig. Ich bin wieder aufs Pferd aufgestiegen und es hat sich mehr als gelohnt. Wenn ihr gerade unten im Sand liegt, dann kann ich euch nur den Tipp geben, euch die Steigbügel und Zügel zu schnappen, tief Luft zu holen und euch wieder in den Sattel zu schwingen!

Die Fotos vom zweiten Tag findet ihr hier

Kommentare:

  1. Hey,
    Schöner Text, un weisst du, was ihn so besonders macht? Das Pferd am Anfang, da hat man noch keine Ahnung.... und dann kommt es gar nicht mehr vor. Nur wieder am Ende, wenn bereits alles gesagt ist. Wie ein Rahmen. Wunderbar.

    Und grade das 2. Bild gefällt mir sehr gut, der Aufbau des letzten aber auch. :)
    Liebe Grüße!
    Olivia

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Ah, freut mich, dass dir das aufgefallen ist ^.^

      Dankeschön <3

      Löschen
  2. Ich finde, dass du richtig gut und fesselnd schreibst :) Und dass mit der Unkreativität kann jedem passieren, ich bin froh, dass du dich davon nicht unterkriegen gelassen hast! Und die Fotos sind echt richtig toll, ich bin begeistert :) ♥

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Das freut mich, vielen, vielen lieben Dank <33

      Löschen
  3. hey,
    oh du schreibst so toll, ich konnte gar nicht aufhören zu lesen! Wirklich toller Schreibstil ;)

    Ich finde es super interessant was so hinter deinen Bildern geschieht und echt toll, dass du das ganze überhaupt hier geschrieben hast, du hättest es ja genauso gut, wie du ja auch schon geschrieben hast, verschweigen können und Punkt.

    Auf jeden Fall hast du mich mit deinem Text motiviert, wenn malwieder etwas an mir scheitert und ich von mir selbst total enttäuscht bin, nicht einfach aufzugeben, sondern es wieder zu probieren. Ich habe nämlich nicht wirklich das rießen Selbstvertrauen....

    Die Bilder sind in meinen Augen übrigens wunderbar, ich kann mir gar nicht vorstellen, dass sie aus einem nicht so ganz perfekten Shooting stammen.

    Liebe Grüße

    PS: schreib ab jetzt ruhig öfters etwas mehr :) hat mir super gefallen!

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Aw, danke!! Freut mich sehr, dass dir der Text gefällt, ich schreibe eigentlich sehr gerne, allerdings fehlen mir meistens die Ideen dazu ^^"

      Ja, einfach immer wieder probieren! Ich gehöre leider auch zu der Sorte dieser Menschen, die sehr gerne frühzeitig aufgeben, wenn mal was nicht so klappt, wie sie das gerne haben wollen. Ist in diesem Sinne auch eine Motivation für mein Zukunfts-Selbst :D

      Löschen